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Matthias Leupold Rede Ulrich Eckhardt 2003

Zur Eröffnung sieben (Kamera-)Einstellungen samt Prolog und Coda
Seine Bilder bedürfen nicht der Beschreibung; sie erschließen sich durch genaues Hineinblicken jedes Einzelnen – eine Schule des Sehens, die Einblicke in Zusammenhänge anbietet. Ganze Geschichten sind fokussiert in dem einen alles bündelnden Schlüsselbild, von dem aus eine Erzählung rückwärts und vorwärts lesbar ist – ein Spiel mit unserer Assoziationsfähigkeit – eine Probe auf unser Wahrnehmungsvermögen. Leupold ist Autor, Regisseur, Ausstatter, Dokumentarist – scheinbar affirmativ und konservierend, in Wahrheit jedoch kritisch reflektierend und zum Weiterdenken auffordernd.

1. Einstellung
Seine Bilderfindungen sind nicht nur szenisch, sie sind auch malerisch, und das erweist sich nicht nur in der häufigen Evokation malerischer Vorbilder als Re-Inszenierungsvorlagen aus der Renaissance oder Historienmalerei. Leupolds Fotografien kann man auch verstehen als Kommentare zum Verhältnis von Malerei und Fotografie als konkurrierende künstlerische Medien – als Behauptung des Kunstcharakters der gestalteten Fotografie – erinnernd an eine Debatte aus der Frühzeit der Fotografie als künstlerisches Medium.
William Turner kurz vor seinem Tode im Jahre 1851: „Das ist das Ende der Kunst. Ich bin froh, daß mein Lebenswerk geschafft ist“ – und John Ruskin zur selben Zeit: „... so wünsche ich, die Fotografie sei niemals erfunden worden, sie wird das Auge so wählerisch machen, daß es die reine Eigenart des Pinselstrichs nicht mehr akzeptiert.“ Der Fotopionier, Physiker und Chemiker Henry Fox Talbot schrieb in „The Pencil of Nature“ 1844: „Ein Vorteil der Erfindung des photographischen Verfahrens wird darin bestehen, daß es uns ermöglicht, in unsere Bilder eine Fülle kleinster Details aufzunehmen, durch welche Naturwahrheit und Realismus der Darstellung noch gesteigert werden, die aber kein Künstler getreu nach der Natur zu kopieren sich die Mühe machen würde. Der Maler, der sich mit den Hauptwirkungen zufrieden gibt, würde es vermutlich für unter seiner Würde halten, jedes Licht- und Schattenfleckchen zu kopieren, und selbst wenn er es wollte, so würde er dazu einen unverhältnismäßig großen Aufwand an Zeit und Mühe benötigen ... Dennoch bleibt es erfreulich, daß wir nun über die Mittel verfügen, solche Details ... in das Bild aufzunehmen, denn es zeigt sich, daß sie das dargestellte auf unerwartete Weise abwechslungsreich machen.“ Er bezeichnete die Wirkung der Kamerabilder als „ganz und gar Rembrandtisch“ und beansprucht damit für die Fotografie den gleichen Kunstrang wie für die Malerei. So auch Nicéphore Niepce, der Urheber der ersten Fotografie der Welt aus dem Jahre 1826 - der „Blick aus dem Fenster“, acht Stunden belichtet mit der ältesten Kamera der Welt– , er bezeichnete seine Arbeit als „die Möglichkeit, auf diese Weise zu malen“.

2. Einstellung
Das wahre Thema der Fotografie ist der anthropologische Moment, das Transitorische, die Energie des Augenblicks, die Einbettung und Einbindung in die Historie des Menschen. Es ist die spezifische Eigenart des fotografischen Blicks, die Fähigkeit, Zeit anzuhalten und die Vergänglichkeit der Gegenwart zwischen Erinnerung und Zukunftsprojektion, zwischen Gedächtnis und Vorstellung, zwischen Erfahrung und Hoffnung ins Bild zu bannen und die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft herzustellen.

3. Einstellung
Leupold ist Ethiker, was eher seltener vorkommt, kein Zyniker oder Opportunist, was derzeit weit verbreitet ist. Er will aufklären und etwas bewirken – mit Sensibilität und Feingefühl, Einfühlungsgabe und kritischem Blick. Im Katalog spricht T. O. Immisch vom „kritischen, eigensinnigen Impuls und einem dem Inwendigen und Spirituellen zugeneigten Impetus – so heiter, melancholisch und sinnlich ...“ Und Enno Kaufhold ebenfalls im Katalog ergänzt: „Es sind seine Bilder, die uns nolens volens über unser falsches Bewußtsein aufklären und die uns so in unserem Dünkel und unserer Selbstgefälligkeit verunsichern. Sie regen uns an, über unser eigenes Verhalten und unsere eigenen Normen nachzudenken.“
Dreifach ist sein Widerstand gegen die Verirrungen, Beleidigungen, Gefährdungen und Belastungen unserer Zeit: Er setzt Schönheit gegen alltägliche Banalitäten. Er stellt Genauigkeit und Geduld gegen die Tyrannei der Platitüden und Phrasen. Er verteidigt Ruhe und Stille gegen bewußtlose Raserei, gegen den Verlust des Zeitempfindens, gegen die Vernachlässigung behutsam-organischen Wachstums. Mit beharrlicher und panzerbrechender Sanftmut bezieht er Stellung gegen Aggressionen, gegen Schlachtenlärm, gegen die potentielle Brutalität der Macht, gegen die Preisgabe von Zivilität im Umgang.

4. Einstellung
Matthias Leupold ist – wer ihn kennt, weiß das – ein Menschenfreund. Seine künstlerischen Mittel sind unwiderstehlich, freundlich und einnehmend – ganz und gar nicht anachronistisch oder resignierend. Ideologien und Vorurteile werden entmachtet durch Parodie oder Ironie, im Scherz und im Spiel, in Rätseln und Gleichnissen. Melancholie ist für ihn eine höhere Form der Erkenntnis. Wachträume erhalten ihre Realität. Irritationen sorgen für die Aufmischung der Gedanken. Karl Corino nannte ihn einen „Ironiker der Kamera, der seine Effekte oft aus dem Kontrast von Bild und Bild-Legende zieht“ – quasi Brechtsche Verfremdungseffekte im Medium Photographie nutzend. T. O. Immisch im Katalog: „Die >Norm< wird ironisiert, was und wer ihr nicht entspricht, bekommt sein Recht. Und das gilt für Leupolds Bilder-Spiele ganz generell, über die >Schönen Frauen< hinaus.“

5. Einstellung
Ja, die Frauen - >Die Welt der Frau< aus der >Gartenlaube< und >Die Schönheit der Frauen< aus einem camouflierenden Akt-Handbuch aus vormoderner Zeit – Serien von Nachstellungen voller Hintersinn. Literarische Neigung und Neugierde führten Leupold zu Robert Musils >Mann ohne Eigenschaften<:: „U. fühlte sich sofort an alte Fotografien , an schöne Frauen in verschollenen Jahrgängen deutscher Familienblätter erinnert, und während er sich in das Gesicht dieser Frau hineindachte, bemerkte er darin eine ganze Menge kleiner Züge, die gar nicht wirklich sein konnten und doch dieses Gesicht ausmachten ...“ Wer Frauen so betrachtet, liebt das Leben und kämpft gegen Zerstörung.

6. Einstellung
Frauenleben – Literatur – Tradition – Renaissancemalerei – Adaptation historischer Vorlagen - Doppelbödigkeit – Ironie und Parodie – Subtext zwischen den Zeilen – Moralität und Verantwortung – Gleichnisse und Rätsel – Hintersinn, Sinn hinter dem Abgebildeten – Genauigkeit und Geduld – Hören auf Ungesagtes – Neigung zum Fabulieren – handwerkliche Treue und Gradlinigkeit .... Wer käme da nicht auf die Vermutung, in Leupolds Leben, Denken und Schaffen gäbe es biographisch-künstleriche Spuren einer DDR-Erbschaft, eingewurzelt oder eingeübt in Kindheit und Jugend ? Indessen kann Leupold nicht als Exponent der DDR-Fotografie bewertet werden. Für seine Arbeitsweise ist die Ost-West-Spannung hinsichtlich ästhetischer oder handwerklich-technischer Positionen nicht konstitutiv, gleichwohl nicht ganz ohne Einfluß. Eine Ausstellung früher Fotoarbeiten in der Ost-Berliner Zeit (1983 bis 1986) hatte den zweideutigen thematischen Titel „Nach uns die Zukunft“. Bildwelten, mit denen einer aufgewachsen ist, und auch Verletzungen, die einer früh erfahren mußte – wie Zurückweisung und Zensur –, können biographisch nicht außer Acht gelassen werden. Gleichwohl wäre ein kausale Bestimmung zu eng gefaßt. Es sind schließlich das ganz Persönliche, das allmählich Erarbeitete, die neuen Erfahrungen in neuen Lebensabschnitten unter völlig veränderten äußeren und inneren Bedingungen, was sich in künstlerischen Äußerungen wiederfindet – was übrigens das entscheidende Wesensmerkmal jeglicher authentischen künstlerischen Schöpfung ist.

7. Einstellung
T. O. Immisch bezeichnet Leupold als „dramatischen Bilderdichter“, der „unberührt sei von der zeitgenössischen Szene“. Enno Kaufhold hingegen sieht – mit guten Gründen – Parallelen zu Inszenierungsformen in der gleichzeitigen westlichen Fotokunst (siehe die Ausstellung „Das konstruierte Bild. Photographie – arrangiert und inszeniert“ 1989 in Schaffhausen) – allerdings nur hinsichtlich der Methodik, nicht des semantischen Bilderkanons. Nur bei ihm finden sich kritisch-hintergründige Adaptationen von historischen Vorlagen, die selbst bereits inszeniert waren (von Kaufhold so genannte Re-Inszenierungen). Bewußte Inszenierung vor und hinter der Kamera dient dem Fotokünstler als Erforschung gesellschaftlicher und individueller Wirklichkeit. Was Leupold vermeidet ist kalkulierte Destruktion der Abbilder im Wege der Deformation durch technische Defekte, selbstreferentielle Experimente ohne Botschaft oder Sinn, totale Relativierung der Form. Seine Konventionalität hinsichtlich des überlieferten fotografischen Handwerks ist scheinbar anachronistisch, ist in Wahrheit ganz zeitgemäß und erfüllt den selbstgestellten Anspruch des Künstlers auf Authentizität.
In der Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie ist die Kategorie des fotografischen Stilllebens als Wiedergabe eines labilen Gleichgewichts der Dinge anerkannt:
Vorgetäuschte Banalität, gespielte Naivität und Harmlosigkeit, eine Alltäglichkeit der Arrangements führen eine equilibristische Ordnung der Dinge vor Augen, die gleichzeitig deren Bedrohung und Gefährdung impliziert. Am Rande von Absichtslosigkeit gewinnen die abgebildeteten Subjekte und Objekte ihre Autonomie, ihr Eigenleben.
Ein einmaliger, einzigartiger, nicht wiederholbarer Zustand wird festgehalten. Zufällige und planvolle Anwesenheit oder Präsenz von Gegenständen täglicher Sehnsucht und immerwährenden Verlangens gerinnen im Bild zu Tableaus von Traumwelten. In der Renaissance hatten die Kunst- und Wunderkammern diese Funktion der ausbalancierten Dynamisierung von Materie und Geist, der Vermählung von Natur und Kunst. Coda
Die Komplexität der Arbeit, die Beharrlichkeit in der Verfolgung der als richtig erkannten Ziele, die Fähigkeit zur Selbstkritik, die Aufrichtigkeit und Lauterkeit der professionellen Einstellung, der menschenfreundliche und gradlinige Umgang mit Fragen der Zeit begründen Leupolds besondere Position. Er ist ein Fotopoet und als solcher kein Außenseiter, auch kein Eigenbrötler, wohl aber ein Solist im reichbestückten Konzert künstlerischer Fotografie der Gegenwart. Mit seinen Denk-Bildern öffnet er die Augen der Betrachter; jeder kann sie beim genauen Hineinblicken lesen – eine Schule des Ein-Sehens und des Nach-Denkens. Und was heißt denn nun – zum Schluß den Autor gefragt – der Titel dieser schönen Ausstellung in Adlershof: „Die Vergangenheit hat erst begonnen“, die wieder seine Lust am Rätsel oder Gleichnissen zeigt ? Viele Deutungen sind möglich. Die These kann auch zu verstehen sein als Manifest der Hoffnung oder der sehr menschlichen Sehnsucht nach der Möglichkeit, noch einmal von vorne beginnen zu können.

Quelle: Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung DIE VERGANGENHEIT HAT ERST BEGONNEN im Kunst- und Medienzentrum, in Berlin-Adlershof 2003