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Matthias Leupold 1x1 für Verkäufer 2004
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1x1 für Verkäufer, Berlin 2004

20 Inkjetprints and Duraclear ab 100 x 135 cm


Dieses Projekt szenischer Photographien belichtet mit Hilfe von Statisten, Schauspielern und professionellen Verkäufern die geheimen Abgründe und unbewußten Zwischenstufen unserer Konsumgesellschaft. Der Kaufrausch soll nicht plakativ entlarvt, sondern in all seinen Facetten anhand des exaltiertesten Protagonisten dieser Bühne beleuchtet werden. Der Kunde ist zwar König aber der Verkäufer sein Hofnarr.Zahlreiche literarische Vorlagen liefern Schilderungen für Händler und Verkäufer in unterschiedlichsten Kulturkreisen. Die treffende Schilderung der Metropole als Phänomen ist ohne diesen Berufszweig undenkbar wie Victor Hugo in „Die Straßen von Paris“, Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ oder Emil Zola, Puschkin, Proust und Dostojewski vorführen. Nicht zuletzt die „Märchen aus 1001 Nacht“ liefern anschauliche Parabeln über den Basar von Baghdad, lassen Orient auf Okzident treffen.

Mit Beginn der Reportagefotografie wird auch der Verkäufer, vor allem der Typus des Straßenhändlers von August Sander, Friedrich Seidenstücker oder Alfred Eisenstaedt wie beiläufig porträtiert. Denn er ist wichtigster Nebendarsteller auf dem Schauplatz der Metropolen-Boulevards: mit Bauchladen, Reklameschilder tragend, die er wie einen Panzer um den Körper montiert hat oder als Marktschreier wie ein Agitator vor der Masse. Seit 1900 fasziniert vor allem in der westlichen Welt die Entstehung der legendären und opulenten Warenhäuser. Die Konsumtempel für die Masse bieten in einer unbeschreiblich prunkvollen Kulisse aus Marmor, Glas und Stuck ihre Waren zum Anfassen und Staunen für Jedermann an.

Franz Hessel charakterisiert in seinem „Flaneur in Berlin“, einer Sammlung von Reportagen erschienen 1929, den Wandel dieses Berufszweiges: „Die Verkäufer und Verkäuferinnen haben den -Dienst am Kunden- von Grund auf studiert. Die großen Kaufhausfirmen haben Schulen ins Leben gerufen, in denen Lehrer, die an Handelshochschulen vorgebildet sind, den jungen Mädchen Anschauungsunterricht über die Behandlung der Ware und der Kunden geben. Wir ahnen gar nicht, was für Künstlerinnen des Verkaufs und der richtigen Suggestion wir gegenüber stehen, wenn uns die kleinen Fräulein von Wertheim und Tietz sanft in ihren Bannkreis ziehen.“

Als außergewöhnliche „Nische“ jenseits der konventionellen Verkaufsstrategien entwickelt sich in den 60er und 70er Jahren in den USA und Großbritannien die Partyatmosphäre unter Freundinnen. Für die Firmen AVON und Tupperware werden Frauen mit erfolgreichem Nebenverdienst geworben, die bei Kaffee und Häppchen in ihrem Bekanntenkreis neue semiprofessionelle Verkaufspraktiken ausüben. In privater Atmosphäre lassen sie Kosmetikprodukte und Plastikgeschirr von Freunden testen, um gruppendynamisch und in fast nebensächlichem Verkaufsgespräch ihre Ware zu offerieren.

Nicht zuletzt das kulturelle Phänomen des Pay-TV mit seinen surrealen Bestell-Shows und inszenierten Vertreter-Vorführungen prägen das Bild eines Amateur-Verkäufers vor laufender Kamera, der die Wünsche und Produkte direkt ins heimische Wohnzimmer projiziert. Als Anbieter von akrobatischen Fitness-Geräten, Schlankheits-Mitteln, absurden neuen Patenten von Heimwerkerartikeln, Küchenmaschinen oder Reinigungsgeräten aller Art offeriert er eine surreale Warenwelt, deren Nützlichkeit jeder Alltagsrealität widerspricht und doch tausendfach Absatz findet.

Im Fernsehstudio mutiert die Person des Verkäufers zu einem medialen Nachbarn, der ganz selbstverständlich mit Dingen jongliert, die jenseits der Praktikabilität sind und sie doch als unabdingbare Fetische verkauft. Allein sein Charakter offenbart uns in der Fratze des hemmungslosen Idealisten, Komikers, Magiers und Herr unserer Wünsche, Hüters des Paradieses oder in Gestalt des legendären Schlehmihls (persifliert in Kinderserien wie Sesamstrasse als Luft- und Buchstabenverkäufer) die eigenen Abgründe und verzweifelten, ewig unerfüllt bleibenden Sehnsüchte. Er hält uns letztendlich auch den Spiegel unserer absurdesten Wünsche vor und sei es jenseits jeder ethischen Wertesysteme. Denn hemmungsloses Besitzdenken macht nirgends halt. Genau deshalb gibt es bei diesem Projekt Seelen-, Lichtstrahl-, Selbstverkäufer. Schließlich träumt jeder Verkäufer davon, einen Kunden fürs Leben zu gewinnen.