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Matthias Leupold Leupolds Gartenlaube 1994

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Leupolds Gartenlaube - Liebhaberaufnahmen in Erinnerung an ein Deutsches Familienblatt
Berlin 1994

20 Barytvergrößerungen bis 18 x 24 cm Staatliche Galerie Moritzburg Halle (20 items)
Fotografische Sammlung der Berlinschen Galerie (20 items)

Heinz Nixdorf Museumsforum Paderborn (2 items)

 

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Signet der Gartenlaube 1911/12

Hintergrund: Eine antiquarische Ausgabe der Beilage der Deutschen Gartenlaube, betitelt "Die Welt der Frau", ist Ausgangspunkt für Leupolds Serie. Der Photograph beschäftigt sich in dieser Bildfolge auf amüsante Art und Weise mit dem Frauenbild der Jahrhundertwende. Der Ideologiegehalt des vielgelesenen Blattes und dessen in Anweisungen zum täglichen Handeln verpackten Vorstellungen von der bürgerlichen Dame werden hier aufs Korn genommen.

"Es ergeben sich zwei Syllogismen:
Die Kunst blättert den Kitsch vom Leben.
Der Kitsch blättert das Leben von den Begriffen.
Und: je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst.
Je abstrakter der Kitsch wird, desto mehr wird er Kitsch.
Das sind zwei herrliche Syllogismen. Wer sie auflösen könnte! Nach dem zweiten scheint es, daß Kitsch = Kunst ist. Nach dem ersten aber ist Kitsch = Begriff - Leben. Kunst = Leben - Kitsch = Leben - Begriff + Leben = zwei Leben - Begriff. Nun ist aber, nach II, Leben = 3 x Kitsch und daher Kunst = 6 x Kitsch - Begriff.
Also was ist Kunst?"

Robert Musil, aus: "Unfreundliche Betrachtung"


Karl Corino – Das Tanzen in Ketten
1994

Für Maler wie für Photographen ist es wichtig, daß ein geistiges Band ihre Arbeiten verbindet. Man nennt dies auch Stil - nach dem stilus, dem Griffel, mit dem die alten Römer ihre Texte auf Wachstafeln schrieben. Auch das Photographieren hat etwas mit Schreiben zu tun, es ist bekanntlich das Schreiben mit Hilfe des Lichts.
Wenn man sich die Tafeln besieht, die Matthias Leupold bisher in drei (hier in Auswahl gezeigten) Sammlungen beschrieben hat, dann ist das jeweils Gemeinsame ein Akt der Nachschöpfung und Neuschöpfung. In allen Fällen - "Fahnenappell", "Leupolds Gartenlaube" und "Die Schönheit der Frauen" - geht es dem Künstler nicht um die Neuerschaffung vorgegebener Motive.
Beim Fahnenappell nutzte Leupold den Katalog der III. Deutschen Kunstausstellung in Dresden 1953.
Leupolds Gartenlaube steht auf dem Terrain der berühmten Familienzeitschrift gleichen Namens (Jahrgang 1911 und 1912), das den Geschmack des wilhelminischen Bürgertums traf und formte; Die Schönheit der Frauen schließlich zeichnet ein Ideal weiblicher Nacktheit nach, wie es von der deutschen Bourgeoisie vor einem Jahrhundert bewundert wurde.
Jede Epoche hat einen toten Winkel, der sie das Lächerliche ihres Treibens, das Zeitverhaftete, das unfreiwillig Komische nicht sehen läßt. Matthias Leupold hat die Begabung, das Stativ seiner Kamera - wenn man das so paradox sagen darf - in eben jenen toten Winkel zu stellen und aus ihm heraus just all das Übertriebene, Verrutschte und Verunglückte, ja vielleicht, Verlogene zu zeigen, das dazumal den Zeitgenossen verborgen blieb. Und dies gilt sowohl für die Kunst des sozialistischen Realismus in der mittlerweile untergegangenen DDR wie für die Bild-Unterhaltung der Bourgeoisie im deutschen Kaiserreich.
Man glaube nicht, daß das Handwerk der Parodie, dessen Ergebnisse so amüsant wie lehrreich sind, leicht sei. Leupold sucht lange nach geeigneten Sujets und Schauplätzen und braucht danach unter Umständen mehrere Tage, bis ein Bild "im Kasten" ist.
Unzweifelhaft spielt das Kalkül bei der photographischen Arbeit Matthias Leupolds eine wichtige Rolle. Er arrangiert jedes Detail, bedenkt jede Nuance der Ausstattung, zugleich legt er Wert auf "die darstellerische Leistung und Ausstrahlung der Modelle". Dort beginnt dann der Bereich des Subjektiven und nur bedingt Steuerbaren. Weil bei seinen Bildern durch die Vorlagen aus der Vergangenheit schon viele Konstanten gegeben sind, legt er Wert darauf, daß der Zufall seine Chance bekommt. "Das Wort beschreibt", wie der Künstler selbst feststellt, "etwas leichtfertig das Eintreten von "Vorfällen". Es gibt diesen "Zufall" in meinen Bildern und ich arbeite mit ihm. Bleibt "er" aus, werden die Bilder meistens starr (...) es gibt sogar Leute, die meinen, wenn man nicht alles bei einer Inszenierung vorher planen können würde, wäre es keine Kunst. Ich hoffe auf den ungeplanten "Vorfall", bestenfalls auf den unerhörten. (Ich habe gelernt, daß "jener" auch umhegt werden kann)."

Es geht Leupold um eine Versöhnung von Notwendigkeit und Freiheit, also das, was Nietzsche angesichts des Figurenschmucks in den Giebelfeldern griechischer Tempel das Tanzen in Ketten nannte. Bei der Betrachtung von Leupolds Bildern kann man das leise, fröhliche Klirren dieser geschmiedeten Fesseln hören.

 

siehe auch:

Enno Kaufhold : M.L. Fiktive Bilder als Realität höherer Ordnung, Photonews, Hamburg 4/94

 

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Arbeitsfoto 1994: Marlene-Dietrch-Halle im Filmstudio Potsdam-Babelsberg: v.l.n.r. Matthias Leupold, Elke Nord, Harry Leupold, Marie-Luise Leupold; Zwei Inszenierungen: Die Frau als solche hat sich ja in der Photographie bereits bewährt, Auf dem Königsplatz