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....................... Enno-Kaufhold, Matthias Leupold – Fiktive Bilder als Realität einer höheren Ordnung

Die Kunst unserer Tage gefällt sich auffallend oft in Simulationen. Die Künstler konstruieren, arrangieren und inszenieren ihre Bilder und spielen mit der Realität, oder dem was sie als Realität anerkennen: Cindy Sherman schlüpft in diverse (Film)Rollen, William Wegman läßt seinen Hund in menschlichen Rollen posieren, David Levinthal spielt historische Kriegsszenen en miniature nach, Bernhard Prinz arrangiert Objekte wie Personen als Allegorien, Künstler wie Wilmar Im Kontext der Spiele mit Wirklichkeit sind auch die Bilder von Matthias Leupold angesiedelt, der mit althergebrachten fotografischen Mitteln historische Wirklichkeit reinszeniert.

Bekannt geworden ist er mit seinen Reinszenierungen von Gemälden des frühen DDR- Sozialismus, also dem Nachstellen von Bilderwerken des Sozialistischen Realismus. Angelehnt an einen Katalog der Dresdner Kunstausstellung von 1953 übersetzte er einige der dort gezeigten Motive in neue fotografische Bilder (besprochen wurde diese Arbeit in Photonews 5/92; außerdem erschien im selben Jahr im Jonas-Verlag ein Katalog mit dem Titel "Fahnenappell"; ausgestellt war sie in Berlin, Dessau, Dresden und andernorts).

Seit dem vergangenen Jahr arbeitet Matthias Leupold an einer neuen Serie, in der er den Bildern der "Gartenlaube" zuleibe rückt, einer Illustrierten, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung im Bürgertum gefunden hat. In diesen "Liebhaberaufnahmen in Erinnerung an ein deutsches Familienblatt" (so seine eigene Formulierung) nimmt er speziell die an die Leserinnen gerichtete Beilage "Die Welt der Frau" aufs Korn.Wie schon bei den früheren Arbeiten ist der ironische Anstrich seiner Bildkompositionen unverkennbar, der bei allem Ernst mitschwingt.

Doch was meinen seine Bilder? Und warum das inszenieren? Während seiner fotografischen Ausbildung in den Filmstudios in Babelsberg geriet Matthias Leupold direkt mit der Welt der Filmverkleidung in Berührung (und im Fundus in Potsdam-Babelsberg leiht er in der Tat immer wieder Kostüme und Requisiten aus). Doch erklärt das, wenn überhaupt etwas, allenfalls seine Methode. Eine entscheidene Rolle spielt die Auswahl der Akteure. Denn Matthias Leupold legt Wert auf die Stimmigkeit der Physiognomien der agierenden Personen mit dem zu realisierenden historischen Motiv (heutige Physiognomien sehen einfach anders aus als damals).

Die geeigneten Akteure findet er in seinem persönlichen Umfeld genauso wie bei Zufallsbegegnungen auf der Straße. Nicht minder wählerisch sucht er die Orte, Kostüm, Maske etc. aus. Alles wird von ihm an seinen imaginierten Bildvorstellungen gemessen. Dennoch kann und will er den Zufall nicht ganz ausschließen, dieser gehört daher in Nuancen zum Endergebnis. Wären seine Themen nicht so profan, könnte man in seinen Bildern eine Fortsetzung der sogenannten "Lebenden Bilder" sehen, oder der "tableaux vivants", wie sie vorzugsweise in der Phase ihrer größten Verbreitung, im 19. Jahrhundert, genannt wurden, Damals setzten sich Vertreter des Adels und des gehobenen Bürgertums bei festlichen Gelegenheiten in Anlehnung an bekannte Meisterwerke der Malerei, Bildhauerei und Grafik mit entsprechenden Inszenierungen in Szene. Diese "Lebenden Bilder" erhoben die Darstellenden aus ihrem Alltag und markierten zugleich ihren sozialen Status, deshalb wurden die Namen der Akteure lauthals mitgeliefert, auch als man diese Inszenierungen, um ihnen über die Einmaligkeit hinaus Dauer zu verleihen, in fotografischen Bildern festhielt und kommerziell vertrieb.

Leupolds Bilder sind jedoch nicht nur profaner, sie legen den Akzent deutlicher auf das Ideologische. Wer bei den Bildern des "Fahnenappells" noch frohlockte, hier rechne jemand keck mit der Ideologie des DDR-Sozialismus und der Scheinheiligkeit damaliger Parolen ab (schließlich hatte der Bildautor das Land gerade zuvor verlassen), den müssen die bildhaften Paraphrasen zur "Gartenlaube" irritieren. Denn darin wird nichts Sozialistisches dem höhnenden Gespött preisgegeben, sondern in ihnen richtet sich der Gestus des Vorführens auf eine deutsche Zeitschrift, die - wenn auch zunächst mit liberaler Gesinnung - deutsches Geistesgut propagierte; also den Geist, aus dem nach dem Kapitalismus, der Faschismus, dann der Sozialismus und nun wieder ein gesamtdeutscher Kapitalismus erwachsen ist... Anders formuliert, diesmal decouvriert Matthias Leupold "Die Gartenlaube" und macht diese zum Synonym einer Geisteshaltung, wie sie in jedem von uns steckt. So nett, wie diese Bilder scheinen, sind sie folglich nicht. Auf der Rückschau fällt es leichter, den Ideologiengehalt von Blättern wie der “Gartenlaube³ “Die Welt der Frau. Mit dem, was man dort schrieb und abbildete, verleibte man die weiblichen Leser in den Verbund der bürgerlichen Gesellschaft ein. Bildlich – und dabei spielt die Fotografie eine kontinuierlich an Bedeutung gewinnende Rolle – vermittelte man ihnen, wie sie sich zu kleiden hatten, wenn sie en vogue aussehen wollten, wie sie ihren Kanarienvogel haus- und bürgergerecht zu pflegen hatten, wie die Frau rationell kocht (selbstredend zugunsten ihres Gatten und dessen Budget) und schließlich, was ihnen blüht (nämlich die Inhaftierung), wenn sie aus diesem Regelwerk dieser bürgerlichen Ordnung ausbrechen. Aus jedem dieser scheinbar harmlosen und so unspektakulär aussehenden Bildchen erwuchsen Anweisungen, wie sich die bürgerlichen Frauen zu verhalten hatten. Das war Ideologie, bürgerliche Ideologie pur.

Und was hat das mit der Wirklichkeit von heute zu tun, mit dieser Wirklichkeit, die uns mit "Cyberspace" und "virtueller Realität" als eine gänzlich neue, mit gigantischen Räumen verkauft wird? Man möchte fast glauben, wir lebten seit kurzem in einer neuen Welt. Es ist jedoch zu fragen, was sich mit Einführung neuer computergesteuerter Systeme, mit denen räumliche Effekte (Realitäten) simuliert werden, wirklich geändert hat. Geben diese tatsächlich neue Einsichten in unsere Realität, oder heben sie lediglich den Prozeß der Abbildung erkannter Wirklichkeit auf eine neue, technische Stufe, nämlich die der digitalen Generation von Projektionen, als menschlichen Vorstellungen, ohne daß damit die menschliche Erkenntnisfähigkeit einen Deut weitergekommen ist? Um Brecht abzuwandeln, was sagt ein computersimulierter Raum über die Wirklichkeit dahinter aus: über die Herrschafts-, Abhängigkeitsstrukturen etc. Es scheint zwar nicht mehr allzu fern, daß wir Marlene Dietrich und Humphrey Bogart und viele andere liebgewonnene Kinogrößen in computeranimierten, neuen Spielfilmen bewundern können und daß ihnen die neuen elektronischen Maschinen ein ewiges virtuelles Starleben ermöglichen werden, doch dürfen wir bei den neuen Geschichten gewiß keine neuen Weisheiten erwarten, da die Operateure dieser Maschinerie auch nur Menschen sind und damit einer Spezies angehören, die sich, Technik hin, Zivilisation her, immer noch nicht (wie Erich Kästner meinte) vom “alten Affen" unterscheiden.

Unverkennbar haben Matthias Leupolds Bilder etwas mit Simulation zu tun und insofern liegt er mit seinen Inszenierungen im beschriebenen Trend; und ganz fraglos interessiert er sich mehr für die medialen Brücken zwischen individueller Erkenntnisfähigkeit und den globalen Realitäten, also mehr für die Methode als für die Ergebnisse. Anders jedoch als die Mehrzahl der inszenierenden und konstruierenden Bildmeister mit ihren Fantasiegebilden kreiert er reelle fotografische Bilder real existierender Realität, historischer wie aktueller. Denn nach wie vor werden wir mit Bildern, vornehmlich fotografierten und heute mehr noch elektronischen auf dem Kurs der Konformität gehalten. Was die neuen Systeme kollektiv end digital generieren (angepaßt), bewältigt Matthias Leupold individuell mit der Kamera (kritisch), als Kunstform. Diese ist zwar nicht so marktschreierisch effektvoll und verkäuflich, dafür aber aufrichtig und stimmig.

Quelle: Photonews, 4/1994